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YOGA, SOMMER, HERBST UND WINTER

 

Der Blick in eins meiner alten Yogatagebücher, die ich während meiner Yogalehrer-Ausbildung geführt habe, hat mir neulich wieder einmal bestätigt, was ich schon länger im Gefühl hatte. Parallel zu der recht linear verlaufenden Entwicklung, die auf Lernen und Erfahrung basiert, gibt es einen weiteren Faktor, der meine Praxis maßgeblich beeinflusst. Einen, der sich in mehr oder weniger regelmäßigen Wellen bewegt: der Einfluss der Jahreszeiten. 

 

Kein Tag ist wie der andere und auch unser Körper fühlt sich täglich entsprechend anders an. Eine achtsame Yogapraxis schult ein feines Gespür für Veränderungen im Alltag, macht kleinste Ausschläge auf der Skala des persönlichen Befindens spürbar. Verfolgt man diese Ausschläge über einen längeren Zeitraum, wird hinter der wilden Zickzacklinie sehr wahrscheinlich eine Kurve erkennbar, eine Art Zyklus, der im Jahresverlauf immer wiederkehrende Hoch- und Tiefphasen hat.

 

 

Meine Yogafreundin Silke sagt immer, sie könne sich nur im Sommer in ihrer Praxis so richtig entfalten während im Winter ihr Fokus hauptsächlich darauf liege, sich nicht zu verletzen. Viele Yogis schwärmen vom Sommer, der Wärme und Yoga Retreats in warmen Ländern, wo der Körper geschmeidiger wird und die Bewegungen leichter.

 

Kartoffelsack-Feeling

 

 

Bei anderen (mich eingeschlossen), verhält es sich tendenziell umgekehrt. Meine besten Zeiten für ein gutes Körpergefühl sind meist die Herbst- und Wintermonate. Wo andere Ruhephasen einlegen, beginne ich Fortschritte zu machen. Moderate Raumtemperaturen erlauben die Entwicklung von innerer Wärme, die durch die Atmung regulierbar bleibt. Ein leichtes Schwitzen bringt Geschmeidigkeit bei gleichzeitiger Kontrolle. Die Luft ist frisch, die Atmung bleibt leicht und fließt ohne Anstrengung, meine Praxis bekommt eine klare, kontrollierte und kraftvolle Qualität. 

 

Zusätzliche Hitze von außen empfand ich lange Zeit als eher unangenehm. Die äußere Wärme erschwerte das Halten der Körperspannung, starkes Schwitzen machte meine Bewegungen unsauber. Die Luft fühlte sich dünn an, die Atmung wurde flach und mein Körpergefühl tendierte in Richtung Kartoffelsack. 

Glücklicherweise hat sich das mit einer regelmäßigen Praxis über die Jahre ausgeglichen und nicht zuletzt meine Aufenthalte in Mysore haben dazu beigetragen. Ich habe gelernt, mich auf die wechselnden Umstände einzustellen und die Intensität meiner Praxis anzupassen.

   

Diese Beobachtungen haben mir klar gemacht, dass ich nicht das ganze Jahr hindurch auf dem gleichen Niveau praktizieren kann. Das Sprichwort „Be patient with yourself – nothing in nature blooms all year” bringt diese Beobachtung sehr versöhnlich auf den Punkt und nimmt ein gutes Stück Leistungsdruck aus der ganzen Sache (Ich weiß, den macht sich offiziell sowieso niemand).

 

 

Anders als bei Pflanzen, die wachsen, blühen, Früchte tragen und verwelken, ist der Wandel der Jahreszeiten am menschlichen Körper bis auf die Färbung des Teints nicht klar erkennbar. Das bedeutet aber nicht, dass da nichts passiert, denn wir spüren den Unterschied genau. Die Jahreszeiten haben Einfluss darauf, wie wir uns fühlen, wie wir uns kleiden, auf Schafrhythmus, Ernährung, etc. Warum also nicht auch auf unsere Yogapraxis?

 

 

Gestehen wir uns auch in der Yogapraxis Phasen zum Säen, Wachsen, Ernten und Ruhen zu, kommen wir in einen natürlichen Fluss und können uns ohne Widerstände diesem Kreislauf hingeben. Ohne die Angst, etwas nicht zu erreichen oder für immer zu verlieren. Die Gewissheit, dass es Dinge gibt, die nicht in unserer Macht liegen, erleichtert das Loslassen. Und bringt Zuversicht, dass sich alles Unangenehme auch immer wieder ins Gegenteil wenden kann. Wir können positiv einwirken, in dem wir uns in starken Phasen nach Lust und Laune austoben, uns aber auch in schwächeren Phasen die Ruhepausen nehmen, die wir brauchen. Und das muss kein Winterschlaf sein. Ein regelmäßiger, achtsamer Blick auf den inneren Zustand ist dabei der beste Berater.

 

Das Praxistagebuch

 

Das Führen eines Praxistagebuchs ist zu diesem Zweck eine sehr aufschlussreiche Sache. Auch wenn man anfangs vielleicht nicht so recht weiss, was man aufschreiben soll – einfach anfangen! 

 

Mit der Zeit wird der Blick für Veränderungen klarer. Allein die Perspektive auf die Praxis verändert sich über die Jahre. Jedes Mal wenn ich in eins meiner Büchlein schaue, fällt mir etwas anderes auf. Die Aufzeichnungen zeigen, wie sich meine Haltung und mein Blick im Laufe der Jahre verändert haben. Wo ich anfangs kleinste Fortschritte bei einzelnen Āsanas minutiös festhielt, notierte ich später nur noch knapp was ich geübt habe, dafür aber umso ausführlicher den Zustand, in dem ich mich befand.

 

Und wer weiß was ich in ein paar Jahren aus den Aufzeichnungen von heute lese?

 


Was schreibe ich bloß?

Hier sind ein paar Eckpunkte für das Führen eines Yogatagebuchs, die helfen können, über die Zeit verschiedene Entwicklungen abzulesen und die eigene Praxis differenziert betrachten zu können: 

  • Datum, Tageszeit, Ort, Mondphase
  • Mit Lehrer oder Selfpractice
  • Länge und Zusammensetzung der Praxis
  • Mit oder ohne Pranayama
  • Qualität der Praxis: sanft, kraftvoll, anstrengend, ...
  • Verletzungen oder Krankheiten
  • Konzentrationsfähigkeit, Wachheit, Müdigkeit
  • Verfassung vorher und nachher
    (Gefühle, Emotionen, Kraft) 


Autor: Andreas Ruthemann   
Originalartikel von 11/2017 (yogipop), überarbeitet 02/2020

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Tristhana ist die Ashtanga Yoga Shala in Hamburg Ottensen. Traditionelles Ashtanga Yoga im Mysore Style, Led Classes und Workshops.

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